Soviel Erleben und Selbst-Mitmachen ist selten!

Grußwort von Ingrid Stahmer, ehemalige Bürgermeisterin und Sozialsenatorin von Berlin

170 Jahre ist es nun schon her, dass die Menschen in Berlin und anderswo eine Revolution machen mussten, um für mehr soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung zu kämpfen.

Wir sind seitdem ein Stück vorangekommen: Wahlen, Presse- und Meinungsfreiheit, Rechtsstaat sind bedeutende Errungenschaften. Es sollte nicht vergessen werden, dass dennoch zentrale Fragen von 1848 weiter auf der Tagesordnung sind.

In bald zwei Jahrhunderten haben Menschen – oft unter Einsatz ihres Lebens – für diese Ziele gekämpft. Wer heute vom Volk in ein Parlament oder von diesem in eine Regierung gewählt wird, sollte sich dessen bewusst sein. Politikerinnen und Politiker von heute sollten aber auch im Blick behalten, dass Revolutionen ausbrechen, wenn die Herrschenden das Volk nicht mehr verstehen und das Volk den Eindruck hat, dass seine Probleme nicht gelöst werden.

Revolutionen sind deshalb nicht nur ein Thema der Vergangenheit. Erst 25 Jahre ist es her, dass auch durch das Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger die SED-Herrschaft in der DDR zusammengebrochen ist. Mehr denn je wird die Welt heute von Revolutionen und Bürgerkriegen erschüttert. Auch im vereinigten Deutschland müssen wir hinhören, es sinken die Beteiligung an Wahlen und die Mitgliederzahl der Parteien. Viele Menschen sind mit der Praxis unserer Demokratie unzufrieden. Wir dürfen niemals Frieden und Demokratie als Selbstverständlichkeit betrachten. Sie bleiben dauernde Aufgaben.

Die Revolution von 1848 forderte nicht nur demokratische Mitbestimmung, es ging auch um soziale Gerechtigkeit. Die „Kartoffelrevolution“ von 1847 ist dafür ein anschauliches Beispiel. Ohne große Ideale und Organisation stürmten die Menschen die Märkte und kämpften mit der Staatsmacht – sie hatten schlicht Hunger.

Als langjährige Sozialpolitikerin und Sprecherin der Berliner Armutskonferenz weiß ich, welche Probleme viel zu viele Berlinerinnen und Berliner haben, die aus materiellen Gründen von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind. Die sozialen Verwerfungen dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Wir wissen aus der Geschichte, dass es sinnlos ist, auf Revolutionen aus Not und Verelendung zu warten.

Diese Themen werden in der Revolutionswoche des August Bebel Instituts gemeinsam mit dem Paul Singer Verein/Friedhof der Märzgefallenen und dem GRIPS-Theater auf vielfältige Weise thematisiert. Ich wünsche dem Projekt großen Erfolg und hoffe, dass die Fragen der Demokratie und sozialen Gerechtigkeit auch in Zukunft mit historischer Perspektive und aktuellem Bezug breit diskutiert werden.

Ingrid Stahmer

 

 

Foto: Elke Petra Thonke