Liebe Revolution!

Aus dem Liebesbrief einer Jungen Iranerin an die Revolution

Liebe Revolution,

ich habe lange über unsere Beziehung nachgedacht und habe beschlossen, dir meine Gedanken mitzuteilen. Wir kennen uns zwar seit langem, aber ich habe nicht das Gefühl, dass wir uns wirklich verstehen. Ich meine, du mit deinem großen Verlangen und ich mit meiner nicht allzu kleinen Skepsis! Ich frage mich, woher diese Skepsis kommt – wir hatten so eine schöne Geschichte zusammen und ich habe nie gedacht, dass es jemals enden würde. Es ist auch nicht zu Ende gegangen, sonst würde ich dir doch nicht diesen Brief schreiben. Aber irgendwie ist es nicht mehr wie damals und das macht mich tieftraurig. Ich glaube fest daran, dass wir uns gegenseitig brauchen, egal, welche Wende unsere Geschichte genommen hat. Ich kann mir immer noch kaum eine Welt ohne dich vorstellen und trotz allem vertrete ich nicht die Meinung meiner Mutter, die sagt, die Zeit der großen Revolutionen ist um. Sie war nie mit unserer Beziehung einverstanden. Erinnerst du dich an den trüben Nachmittag im Juli 1999, als sie die Haustür abgeschlossen hat, damit ich nicht rausgehen und dich treffen kann? Ich dachte, ich werde ihr nie verzeihen und ich glaube, ich kann es immer noch nicht. Mit dem Unterschied, dass ich sie jetzt verstehen kann. In der Zeit war ich noch Schülerin und du warst auf der Straße. Ich war sehr eifersüchtig auf die 15.000 Studenten, die dich auf der Straße begrüßen durften und habe beschlossen, Studentin zu werden. Vier Jahre später habe ich in demselben Studentenwohnheim in Teheran gewohnt, in dem 1999 der große Angriff auf die Studenten stattfand, die demonstriert hatten. Die genaue Zahl der Todesopfer ist bis heute nicht bekannt. Ich hasse diese Stimme in meinem Kopf, die sagt: Und alles umsonst.

Ich weiß nicht, woher diese Stimme kommt und ich kann nicht sagen, wessen Stimme es ist. Aber sie drängt sich in meine Seele und ist nicht zu überhören. Diese Stimme verfolgt mich seit Juni 2009, nach der Präsidentschaftswahl. Du weißt, wie fassungslos ich war, als das Wahlergebnis im Fernsehen verkündet wurde. Ich wusste nicht wohin mit mir und wollte mich am liebsten in deinem Arm werfen und schreien: „Wo ist meine Stimme?“ Diese Nacht kannte keinen Schlaf. Am nächsten Tag musste ich raus, wohin wusste ich nicht, einfach raus, auf die Straße. Dieses mal konnte mich niemand mehr aufhalten und erst als ich da war, wusste ich, dass ich nicht allein bin. Wir waren viele, viele, die eine schlaflose Nacht hinter sich hatten, viele die nicht wussten wohin mit sich, viele, die auf den Straßen waren und sich in deinen Arm werfen wollten, viele, die geschrieen haben: Wo ist meine stimme? Viele, die geschlagen, verletzt, verhaftet, gefoltert, getötet worden sind. Viele mussten das Land verlassen und sind auf der Flucht. Viele haben das Land nicht verlassen und sind trotzdem auf der Flucht. Viele sind weiterhin in den Gefängnissen und von vielen fehlt jede Nachricht.

Was mich aber am meisten an dieser schwierigen Zeit gestört hat, war dein Verhalten. Liebe Revolution. Ich habe nicht verstanden, warum du dich so zurückgezogen hast und nicht bereit warst, uns richtig zu umarmen. Vielleicht, weil du uns nicht vertrauen konntest. Vielleicht wolltest du uns jetzt keine Chance mehr geben, weil unsere Väter dich damals verraten haben. Ich will dir jetzt ungern Vorwürfe machen, ich versuche nur, dir zu sagen, wie es mir damals ging und warum ich von dir Abstand genommen habe. Vielleicht hattest du keine schlechte Absicht gehabt, aber es hat in mir jede Menge schlechte Gefühle ausgelöst. Ich war echt wütend auf dich und habe viel hinter deinem Rücken gelästert. Ich weiß, dass du vieles davon zu Ohren bekommen hast und ich muss zugeben, dass ich es sogar so wollte. Ich wollte nichts mehr mit dir zu tun haben, aber dich gleichzeitig meine Wut spüren lassen. Ich meine, du hast mich doch verletzt und es war nicht fair von dir. Weißt du, wie dämlich ich mich gefühlt habe, als ich feststellen musste, dass du uns nicht ernst nehmen willst. Ich habe mich verlassen gefühlt und habe beschlossen, dich zu verlassen. Aber in Wahrheit habe ich dich immer geliebt und hinter der ganzen Wut versteckte ich mein gebrochenes Herz.

Liebe Revolution. Ich dachte, dass ich dir nie reichen würde, weil du dich heimlich nach den jungen Franzosen im Jahre 1789 sehnst. Selbst unsere Väter haben dir nicht gereicht. Siehst du? Jetzt stoße ich an einen anderen Punkt in unserer Beziehung, der viele Konflikte ausmacht. Nämlich unseren Altersunterschied.

Du hast existiert, lange bevor mich gab. Trotzdem bist du jünger als ich. Diese Gewissheit, dass ich doch älter werde aber du nicht, hat mich damals sehr geärgert. Ich dachte, wie kannst du so alt sein und dich immer noch wie ein Kind verhalten. Jetzt weiß ich genau das in dir zu schätzen, dass du, trotz allen Erfahrungen, jedes mal imstande bist, alles von vorne anzufangen. Bitte verzeihe mir meine kindliche Missstimmung. Ich war echt gemein zu dir und wollte dich am liebsten fest schütteln und sagen: Schau dir an, was du in den letzten Jahren in der Welt angerichtet hast. Wann willst du endlich aus deinen eigenen Erfahrungen lernen. Meinst du nicht, dass dir ein bisschen Geduld fehlt? Warum willst du alles auf einmal? Bei dir ist alles entweder/oder. Das macht mir Angst. Aber dann ist mir bewusst geworden, dass das, was mir Angst machen soll, nicht deine Jugend ist, sondern meine eigene Ungeduld. Wie konnte ich nur so blind sein und nicht einsehen, wie viel Mühe du dir seit über einem Jahrhundert allein schon mit meiner Familie gegeben hast und trotzdem sind wir dir gegenüber so undankbar. Wie zum Beispiel mein Großvater, der seinen Vater und später seinen Sohn wegen dir verloren hatte, über dich redet. Er hält dich für eine Fehlgeburt eines vergewaltigten Volkes, das so leichtsinnig ist, dass es alle seine Hoffnung an dich bindet. Naja, er ist richtig sauer auf dich und kann nicht nachvollziehen, wie die beiden liebsten Menschen in seinem Leben den einzigen Sinn in dir fanden.

Ach, jetzt macht auf einmal alles Sinn für mich. Ich weiß jetzt nämlich, woher diese Stimme kommt. Nicht, dass ich sagen würde, es ist die Stimme meines Großvaters, nein. Es ist noch näher und vertrauter. Es ist meine eigene Stimme, die mich verfolgt, und zwar der Teil in mir, der aufgegeben hat, an einen Sinn der Geschichte zu glauben. Was ich verloren habe, ist nicht der Glaube an dich, sondern an mich. An uns. Ich meine, wovon reden wir überhaupt, wenn wir von Revolution reden? Warum habe ich mir nicht früher diese Frage gestellt? Wie kann man so einfältig sein und dich beschuldigen, nur weil du kein Retter bist. Ja genau, das ist es, was wir von dir erwarten: Rettung. Und natürlich stehen wir am Ende da und sind super enttäuscht, dass du uns doch nicht retten kannst. Dabei vergessen wir, dass du es uns auch nie versprochen hattest. Siehst du, ich wusste, dass dieser Brief uns einander näher bringen wird und bin dir sehr dankbar, dass du so geduldig meinen Gedankengängen folgst. Ich hoffe sehr, dass ich mich einigermaßen klar ausdrücken kann, ohne weitere Missverständnisse zu verursachen. Ich habe echt das Gefühl, etwas für mich herausgefunden zu haben. Ich weiß jetzt nämlich, dass du es immer ernst meinst und deinen Träumen treu bist. Und was mir sehr an dieser Idee gefällt ist, dass es, so gesehen, keine gescheiterte Revolution gibt. Du gewinnst immer, wenn nicht heute, dann bestimmt morgen.

An dieser Stelle hat die junge Iranerin aufgehört zu schreiben und hat auf ihrer Facebook-Seite gepostet „Morgen wird ein besserer Tag sein, wenn wir heute alle daran glauben , nicht wahr? ;-)“

Innerhalb von 23 Sekunden haben es Ahmad aus Ägypten, Nazli aus Istanbul, Omid aus dem Iran, Houweida aus Tunesien und Rahman und Klaudius aus Deutschland, Jaacov aus Israel und Hiba aus Palestina, geliked.

Und wenn es nicht von ihrer Facebook-Seite verschwunden ist, wird es immer noch geliked.

März 2015

Matin Soofipour

Volontärin in der Theaterpädagogik am GRIPS Theater

Foto: Lena Ganssmann